Zum Inhalt springen

Warenkorb

Dein Warenkorb ist leer

Weiter einkaufen
PrEP für Frauen: Warum sie nicht nur für Männer wichtig ist

PrEP für Frauen: Warum sie nicht nur für Männer wichtig ist

Passend dazu

Reality CheckMehr erfahren

Wenn in Deutschland über PrEP gesprochen wird, entsteht ziemlich schnell ein bestimmtes Bild. Schwule Männer, Großstadt, Szene. So sehen die Kampagnen aus, so waren die ersten großen Studien aufgebaut und darauf sind die meisten Praxen eingestellt.

Frauen kommen in diesem Bild kaum vor. In den Infektionszahlen kommen sie sehr wohl vor.

Was die Zahlen zeigen

2024 wurden in Deutschland 3.259 HIV-Neudiagnosen gesichert erfasst. Gut ein Viertel davon betraf Frauen. Bei den rund 590 Infektionen, die im selben Jahr über heterosexuellen Sex übertragen wurden, waren es sogar sechs von zehn.

Dem gegenüber stehen etwa 40.000 Menschen, die in Deutschland PrEP nehmen. Fast alle davon sind Männer.

Diese Lücke hat wenig damit zu tun, wer Schutz gebrauchen könnte. Sie hat damit zu tun, wer davon erfährt.

Warum PrEP als Männersache gilt

Die Präexpositionsprophylaxe wurde zuerst dort erforscht und beworben, wo die Epidemie in Deutschland am sichtbarsten ist. Das war fachlich nachvollziehbar und hat trotzdem eine Nebenwirkung: Alles, was rund um PrEP kommuniziert wird, spricht bis heute vor allem queere Räume an.

Dazu kommt die Versorgung selbst. In der gynäkologischen Praxis ist HIV-Prävention selten ein Thema, das von sich aus aufkommt. Frauen werden im Sprechzimmer seltener nach ihrem Sexualleben gefragt, seltener nach Anzahl und Status von Partner*innen, seltener nach Praktiken. Wer nicht gefragt wird, erzählt meistens auch nichts. Und wer nie hört, dass es eine Tablette gibt, die vor HIV schützt, fragt eben nicht danach.

Fachgesellschaften benennen das inzwischen offen und fordern Ärzt*innen auf, den eigenen Bias zu prüfen. Bis das flächendeckend ankommt, dauert es.

Was bei Frauen anders funktioniert

Hier wird es kurz medizinisch, weil dieser Punkt wirklich wichtig ist.

Der Wirkstoff, der in der PrEP steckt, reichert sich nicht in jedem Gewebe gleich an. Im Darmgewebe steigt die Konzentration schnell und hoch. Im Gewebe der Vagina und des Gebärmutterhalses geht das langsamer und die Werte bleiben niedriger. Daraus folgen zwei Dinge, die du kennen solltest.

Erstens dauert der Schutzaufbau länger. Bei Analsex greift die tägliche PrEP ab dem dritten Tag. Bei vaginalem Sex kannst du erst ab dem siebten Tag von vollem Schutz ausgehen. Diese ersten Tage überbrückst du mit Kondomen.

Zweitens gibt es kein Schema nach Bedarf. Die anlassbezogene Variante mit zwei Tabletten vorher und je einer an den beiden Tagen danach ist für vaginalen Sex nicht geeignet. Die Datenlage trägt das nicht und zugelassen ist ohnehin nur die kontinuierliche Einnahme. Für dich heißt das: täglich, jeden Tag, auch in Wochen ohne Sex.

Nebenbei erklärt dieser Unterschied auch, warum frühe Studien mit Frauen so enttäuschend aussahen. Als die Blutproben nachträglich ausgewertet wurden, zeigte sich, dass bei vielen Teilnehmerinnen kaum Wirkstoff nachweisbar war. Dort, wo die Tabletten tatsächlich genommen wurden, wirkten sie zuverlässig.

Wer PrEP auf Kasse bekommt

Seit September 2019 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die PrEP für Menschen ab 16 Jahren mit einem substanziellen HIV-Risiko. In der Vereinbarung dazu stehen vier Konstellationen. Drei davon können auf Frauen zutreffen:

  • eine Beziehung mit einer HIV-positiven Person, deren Viruslast nicht stabil unter der Nachweisgrenze liegt oder deren Therapie gerade erst begonnen hat
  • injizierender Drogenkonsum ohne verlässlichen Zugang zu sterilem Besteck
  • Sex ohne Kondom mit Partner*innen aus Regionen mit hoher HIV-Verbreitung oder in Situationen mit erhöhtem Übertragungsrisiko

Der letzte Punkt wird ärztlich im Einzelfall beurteilt und ist bewusst offen formuliert. Genau deshalb lohnt es sich, im Gespräch konkret zu werden. Wenn du beschreiben kannst, wie dein Sexleben tatsächlich aussieht, kommst du deutlich weiter als mit einer allgemeinen Frage.

Wichtig noch: Verschreiben dürfen nur Ärzt*innen mit entsprechender Qualifikation. Eine Absage in der ersten Praxis ist also kein Urteil über dich oder dein Risiko.

Wofür PrEP nicht zuständig ist

PrEP schützt vor HIV. Das macht sie sehr gut und mehr macht sie nicht.

Sie ist keine Verhütung. Deine Pille, dein Ring, dein Implantat oder deine Spirale laufen weiter wie bisher, denn eine relevante Wechselwirkung mit hormoneller Verhütung gibt es nicht.

Sie schützt auch nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Chlamydien, Tripper und Syphilis interessieren sich nicht dafür, ob du PrEP nimmst. Regelmäßiges Testen bleibt deshalb Teil des Pakets, an allen Stellen, an denen Sex stattfindet.

Sobald du PrEP nimmst, laufen diese Tests über die Praxis, die dir die PrEP verschreibt. Sie gehören dort fest zu den Kontrollterminen. Solange du noch keine PrEP hast oder zwischendurch Klarheit willst, kannst du die relevanten Erreger mit Reality Check von zu Hause aus abdecken.

Schwangerschaft, Stillzeit, Hormone

Drei Fragen kommen immer wieder, deshalb hier kurz und klar.

Schwangerschaft. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, die PrEP fortzuführen, wenn das HIV-Risiko weiter besteht. Frühere Bedenken haben sich nicht bestätigt. In der Schwangerschaft ist eine HIV-Infektion außerdem besonders folgenreich, weil das Virus auf das Kind übergehen kann.

Stillzeit. Auch hier gilt die Empfehlung, den Schutz bei fortbestehendem Risiko beizubehalten.

Geschlechtsangleichende Hormontherapie. Für trans Frauen und trans Männer sind keine relevanten Wechselwirkungen zwischen PrEP und der Hormontherapie bekannt. Die Hormonspiegel bleiben, wo sie sein sollen. Der Schutz ebenfalls.

Was dazugehört, wenn du anfängst

Vor dem Start stehen ein HIV-Test, die Nierenwerte und ein Blick auf deinen Hepatitis-B-Status. Danach kommst du alle drei Monate zur Kontrolle, mit HIV-Test und in festen Abständen Nierenwerten und STI-Tests. Das läuft komplett über die Praxis, die dir die PrEP verschreibt.

Diese Termine sind schnell erledigt und sie sind nebenbei die beste Gelegenheit, alles andere gleich mitzuprüfen. Viele Menschen haben durch die PrEP zum ersten Mal überhaupt eine feste Routine für ihre sexuelle Gesundheit.

Was gerade dazukommt

Die tägliche Tablette ist nicht mehr die einzige Option.

Es gibt inzwischen eine Spritze, die alle zwei Monate gegeben wird. In einer großen Studie mit Frauen im südlichen Afrika schnitt sie deutlich besser ab als die täglichen Tabletten, vor allem weil sie das Thema Einnahme komplett aus dem Alltag nimmt.

Seit 2025 ist außerdem eine Variante in der EU zugelassen, die nur zweimal im Jahr gespritzt wird. In der Zulassungsstudie mit über 2.000 jungen Frauen in Südafrika und Uganda gab es in dieser Gruppe keine einzige HIV-Infektion.

In Deutschland sind beide Optionen in der Praxis noch schwer zu bekommen und die Kostenübernahme ist häufig ungeklärt. Trotzdem lohnt die Frage in der Sprechstunde, gerade wenn tägliche Tabletten für dich realistisch nicht funktionieren.

Ein Vaginalring, der in mehreren afrikanischen Ländern eingesetzt wird, ist in der EU bisher nicht zugelassen.

Wie du das Gespräch anfängst

Warte nicht darauf, gefragt zu werden. Der wirksamste Satz ist der direkte: „Ich möchte über PrEP sprechen.“

Anlaufstellen gibt es mehr, als die meisten denken. Schwerpunktpraxen für Infektiologie, Checkpoints in größeren Städten, manche Gesundheitsämter. Die Deutsche Aidshilfe vermittelt Adressen in deiner Nähe und berät auf Wunsch anonym.

Wenn du in einer Praxis das Gefühl hast, mit dem Thema nicht ernst genommen zu werden, dann liegt das an der Praxis. Hol dir eine zweite Meinung.

Wir arbeiten gerade selbst an einem Angebot zur HIV-Prävention. Wenn du Bescheid bekommen willst, sobald es so weit ist, trag dich in die Warteliste ein.

Der Schutz gehört dir genauso

PrEP ist nicht für Frauen erfunden worden. Sie wirkt trotzdem, sie ist verfügbar und unter den richtigen Voraussetzungen zahlt die Kasse.

Wenn in deinem Leben eine Situation vorkommt, in der HIV eine Rolle spielt, dann ist PrEP eine Option für dich. Unabhängig davon, wer auf den Plakaten abgebildet ist.

Passend dazu

Reality CheckMehr erfahren