Über Chemsex wird in der Regel entweder geschwiegen oder gewarnt. Wer am Samstagabend in einer fremden Wohnung steht und sich in diesem Moment für oder gegen etwas entscheidet, hat von beidem herzlich wenig.
Dieser Text geht deshalb von dem aus, was ohnehin passiert. Menschen nehmen Substanzen und haben dabei Sex. Die interessantere Frage ist, wie sich das Risiko dabei kleiner halten lässt. Um die geht es hier, ohne Urteil und ohne den Versuch, dich von irgendetwas abzubringen.
Worum es überhaupt geht
Chemsex beschreibt Sex unter dem Einfluss bestimmter Substanzen, meistens über viele Stunden und häufig in Gruppen. Im Spiel sind in der Regel Crystal, GHB oder GBL, Mephedron und verwandte Cathinone sowie Ketamin, oft mehrere davon in derselben Nacht.
Riskant wird das selten wegen einer einzelnen Substanz. Es sind eher die Umstände drumherum, die sich über Stunden aufaddieren: Sessions, die sich über Tage ziehen, kaum Schlaf, wechselnde Partner*innen, ein Zeitgefühl, das irgendwann komplett verrutscht, dazu eine Situation, in der Absprachen schwerer fallen als im nüchternen Alltag. An all diesen Stellen setzt Safer Use an.
Drei Dinge, die am meisten bringen
Konsumier möglichst nicht allein. Die allermeisten Notfälle gehen glimpflich aus, weil jemand im Raum war und rechtzeitig reagiert hat. Wenn du trotzdem allein unterwegs bist, sag wenigstens einer Person, wo du gerade bist und wann du dich wieder meldest, damit überhaupt jemand nachfragen kann.
Misch nichts, was sich gegenseitig verstärkt. Kritisch wird es fast immer durch Kombinationen und am gefährlichsten ist alles Dämpfende zusammen, also GHB oder GBL mit Alkohol, mit Ketamin oder mit Schlafmitteln. Auf diesem Weg landen die meisten Menschen in einer Bewusstlosigkeit, die von außen erst mal wie Schlaf aussieht und deshalb viel zu spät als Notfall erkannt wird.
Und leg bei GHB oder GBL nichts nach, wenn du nach der ersten Dosis nichts spürst. Zwischen wirksamer Dosis und Überdosis liegt bei diesen Substanzen so wenig, dass das Nachlegen zur häufigsten Ursache für schwere Zwischenfälle wird: Beide Dosen fluten dann zusammen an und aus zu wenig wird innerhalb von Minuten zu viel. Ein Timer am Handy ist in dieser Situation deutlich verlässlicher als dein Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist.
Wenn es ernst wird
Diesen Abschnitt überspringen die meisten Menschen. Er ist trotzdem der wichtigste, weil im Ernstfall niemand mehr Zeit hat, ihn nachzulesen.
Kritisch wird eine Situation, wenn jemand nicht mehr ansprechbar ist, ungewöhnlich laut oder rasselnd schnarcht, flach oder unregelmäßig atmet, blaue Lippen bekommt, krampft oder im Liegen erbricht. Wenn dir eines davon auffällt, geh davon aus, dass es ernst ist.
- Sprich die Person laut an und rüttel sie an der Schulter.
- Wenn keine Reaktion kommt, ruf sofort die 112 und warte nicht ab, ob sich die Lage von selbst bessert.
- Wenn die Person atmet, bring sie in die stabile Seitenlage, damit sie nicht am Erbrochenen erstickt.
- Wenn sie nicht atmet, beginn mit der Herzdruckmassage und lass die Leitstelle dabei am Telefon, weil die Person dort dich Schritt für Schritt anleitet.
- Bleib bei ihr, bis der Rettungsdienst übernimmt.
Sag den Rettungskräften ehrlich, was konsumiert wurde, auch wenn dir das in dem Moment unangenehm ist. Der Rettungsdienst behandelt und ermittelt nicht, alles was dort besprochen wird, unterliegt der Schweigepflicht. Wer aus Angst vor Konsequenzen schweigt, riskiert dagegen eine falsche Behandlung.
Die gefährlichste Reaktion ist Abwarten. Bei Notfällen mit GHB sterben immer wieder Menschen, weil alle anderen im Raum gehofft haben, das reguliere sich schon von selbst.
Vor der Session
Das meiste, was in einer langen Nacht schiefgeht, lässt sich vorher in zehn Minuten abfedern. Sag jemandem Bescheid, wo du bist, wie lange es ungefähr dauern soll und wann du dich wieder meldest. Iss vorher etwas Richtiges, weil du es über die nächsten Stunden vermutlich vergessen wirst und ein voller Magen die Anflutung zusätzlich bremst. Stell dir Wasser hin statt Alkohol und trink es dann auch, denn Dehydrierung gehört zu den häufigsten Problemen bei langen Sessions.
Leg dir außerdem zurecht, was du brauchst, also Kondome, reichlich Gleitgel und dein eigenes Konsumzubehör. Alles, was griffbereit liegt, wird später auch benutzt, während Dinge, die du erst suchen müsstest, meistens einfach wegfallen.
Und überleg dir deine Grenzen, solange du klar im Kopf bist: was du willst, was für dich nicht infrage kommt und wann für dich Schluss ist. Nüchtern fällt dir diese Entscheidung deutlich leichter als mitten in der Nacht. Wenn du PrEP nimmst oder in HIV-Therapie bist, stell dir für die Einnahme zusätzlich einen Wecker. Über zwei oder drei Tage fallen sonst schnell mehrere Dosen aus und damit fällt auch dein Schutz weg.
Während der Session
Benutz dein eigenes Zubehör und gib nichts weiter, weder Röhrchen noch Pfeifen noch Spritzen. Hepatitis C wird auch über Dinge übertragen, die im Moment völlig harmlos wirken, ein gemeinsam benutztes Röhrchen zum Beispiel. Wenn injiziert wird, gilt das doppelt: Nimm nur steriles Material aus der eigenen Packung, weil sich HIV und Hepatitis C über gebrauchte Nadeln sehr zuverlässig weitergeben, egal wie gut sich alle Beteiligten kennen. Sterile Sets bekommst du kostenlos in Drogenhilfeeinrichtungen und in vielen Apotheken.
Stell dir Timer für alles, was regelmäßig passieren soll, weil sich dein Zeitempfinden im Lauf der Nacht massiv verschiebt. Trinken und Pausen fallen als Erstes weg, wenn niemand daran denkt, wobei ein Handy-Timer in so einer Nacht ohnehin das nüchternste Ding im Raum ist.
Was den Sex selbst angeht: Konsens hört nicht auf, wenn der Konsum anfängt. Wer nicht mehr ansprechbar ist, kann nicht zustimmen, da gibt es keine Grauzone und nichts auszulegen. Wenn jemand wegtritt, kümmerst du dich um die Person, statt weiterzumachen.
Lange Sessions bedeuten außerdem viel Reibung und oft trockene Schleimhäute, gerade beim Analsex. Kleine Verletzungen erhöhen das Übertragungsrisiko für so ziemlich alles, deshalb nimm mehr Gleitgel, als du eigentlich für nötig hältst. Kondome legst du am besten so hin, dass du sie auch im Dunkeln findest.
Der Tag danach und die drei folgenden
Über die Tage nach einer Session wird am wenigsten geredet, dabei erwischen sie viele am härtesten. Schlaf so viel, wie du kannst, weil mehrere Nächte ohne Schlaf jede psychische Nachwirkung verstärken. Iss etwas, auch wenn kein Hunger da ist, am besten erst mal Kleinigkeiten wie Brühe, Banane oder Toast.
Rechne fest damit, dass es dir ein paar Tage lang schlechter geht. Die Botenstoffe im Gehirn sind nach dem Konsum vorübergehend aufgebraucht, weshalb Niedergeschlagenheit, Angst, Reizbarkeit oder ein sehr harter Blick auf dich selbst mit dazugehören. Das lässt sich pharmakologisch erklären und geht meistens innerhalb weniger Tage vorbei. Was dein Kopf dir in dieser Phase über dich erzählt, solltest du also in aller Ruhe ignorieren, während große Entscheidungen über deine Beziehung, deinen Job oder dich selbst ohnehin ein paar Tage Zeit haben.
Auch dein Darm meldet sich in dieser Zeit oft deutlich, weil Substanzen, Schlafmangel und tagelang unregelmäßiges Essen die Verdauung ziemlich zuverlässig durcheinanderbringen. Bis alles wieder in seinen Rhythmus findet, vergehen ein paar Tage. Eine feste tägliche Routine hilft dabei mehr als einzelne Maßnahmen zwischendurch, weshalb Gut Feeling als tägliche Basis gedacht ist.
Wenn es dir psychisch länger schlecht geht als ein paar Tage, hol dir Unterstützung, bevor daraus etwas Größeres wird.
Testen gehört dazu
Viele Partner*innen über viele Stunden bedeuten mehr Kontakte und damit mehr Gelegenheiten für Übertragungen. Dazu kommt, dass Kondome unter Substanzeinfluss seltener konsequent benutzt werden.
Teste deshalb regelmäßig und nicht erst, wenn dir etwas auffällt, denn ein großer Teil der Infektionen verläuft völlig unbemerkt. Wer öfter Chemsex hat, testet am besten häufiger als der Durchschnitt und zwar an allen Stellen, an denen Sex stattfindet. Reality Check deckt die relevanten Erreger ab und funktioniert von zu Hause aus.
Beim HIV-Schutz lohnt es sich, die eigene Lage einmal in Ruhe zu klären. PrEP ist bei erhöhter Exposition die wirksamste Option und in Deutschland eine Kassenleistung, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind. Wenn du mit HIV lebst und deine Therapie zuverlässig nimmst, ist die Viruslast nicht nachweisbar und HIV damit auch nicht übertragbar.
Hepatitis C solltest du vor allem dann im Blick behalten, wenn injiziert oder Zubehör geteilt wird, denn heilbar ist sie heute in aller Regel gut, vorausgesetzt sie wird überhaupt gefunden. Und bei bakteriellen STIs kann für Menschen mit erhöhter Exposition eine antibiotische PEP infrage kommen. Sie ist verschreibungspflichtig, ersetzt kein Testen und wird vorher immer ärztlich geprüft.
Wann ein Gespräch gut tut
Es gibt keine Grenze, ab der Konsum offiziell zum Problem wird, zumal sich die Frage über eine Menge oder eine Häufigkeit ohnehin nicht beantworten lässt. Ein paar Anzeichen sprechen aber dafür, mit jemandem darüber zu reden:
- Sex ohne Substanzen wirkt langweilig oder gar nicht mehr vorstellbar
- Die Sessions werden länger oder häufiger, ohne dass du das geplant hättest
- Du konsumierst auch außerhalb sexueller Kontexte
- Termine, Arbeit oder Beziehungen leiden darunter
- Du machst Dinge, die dir hinterher leidtun
- Du willst reduzieren und schaffst es nicht
Wenn du dich in mehreren Punkten wiederfindest, sagt das nichts über dich als Person aus, es hilft dir nur beim Sortieren, wo du gerade stehst. In Deutschland gibt es Beratungsstellen, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben und auf Wunsch anonym arbeiten, ohne dich zu bewerten. Die Deutsche Aidshilfe vermittelt Anlaufstellen in deiner Nähe und in Berlin ist die Schwulenberatung eine gute erste Adresse. Wer sich dort meldet, hört damit übrigens nicht automatisch mit Chemsex auf, meistens geht es erst mal um mehr Kontrolle darüber.
Was du in der Hand hast
Risikofrei wird das alles nicht, so etwas gibt es beim Konsum nirgends. Beeinflussen kannst du aber ziemlich viel: Du kennst die Kombinationen, die kritisch werden, du weißt, was bei einer Bewusstlosigkeit zu tun ist, du hast jemanden in der Nähe und dein eigenes Zubehör dabei, du testest regelmäßig und hast dir vorher überlegt, wo deine Grenze liegt. Das ist deutlich mehr, als die meisten Menschen mitbringen, wenn sie in so eine Nacht gehen.
Und falls doch etwas passiert: 112, sofort und ohne zu zögern.









