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HPV-Impfung: der Schutz, über den zu wenig geredet wird

HPV-Impfung: der Schutz, über den zu wenig geredet wird

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Fast alle Menschen, die Sex haben, infizieren sich irgendwann mit humanen Papillomviren, meistens völlig ohne Symptome, wobei das Immunsystem die Viren in den meisten Fällen von allein wieder loswird. Ein HPV-Nachweis sagt damit nichts darüber aus, wie viele Partner*innen jemand hatte oder wie sorgfältig jemand mit Safer Sex umgeht.

Relevant wird HPV erst an der Stelle, an der eine Infektion über Jahre im Gewebe bleibt. Dort setzt die HPV-Impfung an, die in Deutschland seit 2007 empfohlen wird und heute gegen neun Virustypen schützt.

Was HPV im Körper macht

Humane Papillomviren sind eine große Familie von mehr als 200 Virustypen, von denen etwa 40 die Schleimhäute im Genitalbereich, im Enddarm und im Rachen besiedeln. Übertragen werden sie durch Haut- und Schleimhautkontakt, also beim Vaginalverkehr genauso wie beim Oral- oder Analverkehr, beim Petting oder über gemeinsam benutztes Sexspielzeug. Kondome senken das Risiko deutlich, wobei bei HPV eine Restunsicherheit bleibt, weil die Viren auch auf Hautstellen sitzen können, die ein Kondom frei lässt.

Zwei Gruppen innerhalb dieser Virusfamilie sind im Alltag relevant. Die Niedrigrisiko-Typen 6 und 11 lösen Genitalwarzen aus, die auch Feigwarzen heißen, medizinisch gutartig bleiben und sich gut behandeln lassen. Die Hochrisiko-Typen, vor allem 16 und 18, können sich dauerhaft in den Zellen einrichten. Fachleute sprechen dann von einer persistierenden Infektion, also einer, die das Immunsystem über Jahre nicht mehr loswird. Aus ihr können Zellveränderungen entstehen, aus denen im Verlauf von 15 bis 20 Jahren Krebs werden kann. Dieser lange Zeitraum erklärt, warum die Früherkennung bei HPV so gut funktioniert: Es bleibt viel Zeit, Veränderungen zu finden, solange sie sich noch unkompliziert behandeln lassen.

Warum über HPV so selten geredet wird

Eine HPV-Infektion tut nicht weh, juckt nicht und zeigt sich in keinem der Tests, die man nach einer Nacht mit Fragezeichen typischerweise macht, weshalb die meisten Menschen nie von ihr erfahren. Im Gespräch über sexuelle Gesundheit fällt HPV deshalb hinter Chlamydien, Gonorrhö oder HIV zurück, obwohl es die häufigste sexuell übertragbare Infektion überhaupt ist.

Dazu kommt die Geschichte der Impfung selbst. Die Ständige Impfkommission, kurz STIKO, empfahl sie ab 2007 für Mädchen und erst ab 2018 ausdrücklich auch für Jungen, weshalb sie bei vielen bis heute als Frauenthema abgespeichert ist. An den Impfquoten lässt sich das ablesen, denn von den 15-jährigen Mädchen waren 2024 rund 55 Prozent vollständig geimpft, von den Jungen 36 Prozent. Als Ziel für die Elimination von Gebärmutterhalskrebs gelten 90 Prozent vollständig geimpfte Mädchen bis zum 15. Geburtstag.

Wovor die HPV-Impfung schützt

Der heute übliche neunfache Impfstoff deckt neun HPV-Typen ab, darunter 16 und 18 als wichtigste Hochrisiko-Typen sowie 6 und 11, auf die der größte Teil der Genitalwarzen zurückgeht. Verhindern lassen sich damit Krebserkrankungen am Gebärmutterhals, an Vulva, Vagina, Penis, Anus und im Mund-Rachen-Raum.

Wie groß diese Gruppe ist, zeigen die Krebsregisterdaten: In Deutschland gehen jährlich etwa 10.000 bis 11.000 Krebserkrankungen auf HPV zurück, rund 3.000 davon bei Männern. Bei Gebärmutterhalskrebs liegt der HPV-Anteil bei 90 bis 95 Prozent, beim Oropharynxkarzinom, also Krebs im hinteren Mund- und Rachenbereich, bei etwa 50 Prozent. Dazu kommen jährlich rund 25.000 Konisationen, also Eingriffe, bei denen auffälliges Gewebe am Gebärmutterhals entfernt wird.

Wie gut die Impfung wirkt, zeigt eine schwedische Registerstudie mit knapp 1,7 Millionen Mädchen und Frauen: Wer vor dem 17. Geburtstag geimpft war, hatte ein um 88 Prozent niedrigeres Risiko für invasiven Gebärmutterhalskrebs, bei einer Impfung zwischen 17 und 30 Jahren lag die Reduktion bei 53 Prozent. In Schottland, wo zunächst ein zweifacher Impfstoff verwendet wurde, fand sich bis 2024 unter den mit 12 oder 13 Jahren geimpften Frauen kein einziger Fall von invasivem Gebärmutterhalskrebs.

Warum die Impfung für Jungen genauso zählt

Bei Männern kommen zwei Dinge zusammen. Ihr Immunsystem bildet nach einer durchgemachten Infektion seltener Antikörper als das von Frauen, der natürliche Schutz nach einem ersten Kontakt mit HPV ist bei ihnen also unzuverlässiger. Dazu fehlt für sie eine Früherkennung, die mit dem Abstrich am Gebärmutterhals vergleichbar wäre, weshalb HPV-bedingte Veränderungen bei Männern oft erst auffallen, wenn Beschwerden dazukommen.

Der Krebs im Mund-Rachen-Raum, die häufigste HPV-bedingte Krebsart bei Männern, hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, dazu kommen Analkrebs, Peniskrebs und Genitalwarzen, die ohnehin alle Geschlechter betreffen. Wer geimpft ist, trägt die abgedeckten Typen außerdem seltener weiter, wovon alle Sexpartner*innen profitieren.

Ab welchem Alter die HPV-Impfung empfohlen wird

Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung für alle Kinder zwischen 9 und 14 Jahren, unabhängig vom Geschlecht, wobei in diesem Alter zwei Dosen mit mindestens fünf Monaten Abstand genügen. Wer sie bis zum 15. Geburtstag nicht bekommen hat, kann sie bis zum 18. Geburtstag nachholen, wofür dann drei Dosen über etwa ein halbes Jahr verteilt vorgesehen sind. Bis dahin übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten vollständig.

Für den frühen Zeitpunkt gibt es zwei Gründe. Das Immunsystem reagiert in diesem Alter besonders kräftig auf den Impfstoff, weshalb zwei Dosen ausreichen. Außerdem baut die Impfung den Schutz am besten auf, solange der erste Kontakt mit den Viren noch nicht stattgefunden hat, weshalb sich der Termin nach dem biologisch günstigsten Moment richtet, lange bevor das Thema Sex für die Kinder selbst eine Rolle spielt.

Lohnt sich die HPV-Impfung noch mit 30?

Die Zulassung des neunfachen Impfstoffs gilt ab neun Jahren ohne obere Altersgrenze, geimpft werden darf also auch mit 28, 40 oder 55. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt die Nachholimpfung für impfnaive Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren, spricht sich ab 27 Jahren allerdings dagegen aus, sie generell zu empfehlen. Ab 27 fällt die Entscheidung damit individuell im Gespräch in der Praxis.

Wie viel die Impfung dir bringt, hängt davon ab, wie viele der neun Typen dein Immunsystem schon kennengelernt hat, was mit der Zahl der Sexualkontakte steigt. Alle neun hatten die meisten Menschen allerdings nie. Für jeden Typ, der noch fehlt, baut die Impfung weiterhin Schutz auf. 

Wenn du zwischen 18 und 26 bist, kannst du das beim nächsten Praxistermin einfach ansprechen. Bist du älter, lohnt sich das Gespräch trotzdem, weil die Abwägung von deiner Situation abhängt: davon, ob eine neue Beziehung anfängt, wie viele wechselnde Kontakte dazukommen oder ob am Gebärmutterhals schon einmal etwas auffällig war.

Wenn schon eine HPV-Infektion bekannt ist

Die Impfung wirkt vorbeugend, sie baut Antikörper gegen Typen auf, mit denen dein Immunsystem noch keinen Kontakt hatte. Eine laufende Infektion lässt sich damit nicht beenden, weshalb auffällige Befunde in ärztliche Betreuung gehören, meist in eine gynäkologische Praxis oder in eine Dysplasiesprechstunde, also eine Spezialambulanz für Zellveränderungen am Gebärmutterhals.

Wer die Impfung bezahlt

Bis zum 18. Geburtstag ist die HPV-Impfung Kassenleistung. Danach kommt es auf die Kasse an, denn viele gesetzliche Kassen zahlen bis 26 oder 27 Jahre und einige übernehmen die Impfung ohne Altersgrenze, meist als freiwillige Satzungsleistung. Ein kurzer Anruf oder eine Nachricht über die App deiner Kasse klärt das in wenigen Minuten, am besten bevor du einen Termin machst. Falls du selbst zahlst, liegen die Kosten pro Dosis im niedrigen dreistelligen Bereich, wobei dir die Praxis den genauen Betrag vorher nennen kann.

Kann man sich auf HPV testen lassen?

Für Menschen mit Gebärmutterhals ist der HPV-Test Teil der gesetzlichen Früherkennung. Zwischen 20 und 34 Jahren gibt es einmal im Jahr einen zytologischen Abstrich, den Pap-Test, bei dem Zellen vom Gebärmutterhals unter dem Mikroskop beurteilt werden. Ab 35 Jahren läuft die Untersuchung alle drei Jahre als Kombination aus Pap-Test und HPV-Test, die sogenannte Ko-Testung, zu der die Kassen schriftlich einladen (Gemeinsamer Bundesausschuss, organisiertes Früherkennungsprogramm Zervixkarzinom).

Für Männer existiert bisher keine vergleichbare Routineuntersuchung. Abklären lässt sich HPV bei ihnen, wenn etwas auffällt, also bei Warzen oder Veränderungen an Penis, Hodensack oder Anus, wofür urologische oder hautärztliche Praxen die richtige Adresse sind.

Unser Reality Check prüft Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis, HIV und Hepatitis C. HPV gehört nicht dazu, weil ein HPV-Befund erst zusammen mit der Beurteilung der Zellen am Gebärmutterhals aussagekräftig wird. Beim HPV-Schutz greifen deshalb die Impfung und die Früherkennung ineinander.

Feigwarzen, die andere Seite von HPV

Genitalwarzen gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen überhaupt. Sie zeigen sich Wochen bis Monate nach dem Kontakt als kleine weiche Erhebungen an Penis, Vulva, Damm oder rund um den Anus und bleiben medizinisch gutartig. Unangenehm sind sie trotzdem, körperlich wie emotional, weil man sie sieht.

Behandeln lassen sie sich gut, entweder mit verschreibungspflichtigen Mitteln zum Auftragen oder mit kleinen Eingriffen in der Praxis, wobei etwas Geduld dazugehört, weil Warzen wiederkommen können.

Warum die Früherkennung auch für Geimpfte bleibt

Die neun abgedeckten Typen verursachen den größten Teil der HPV-bedingten Krebserkrankungen, daneben existieren weitere Hochrisiko-Typen, weshalb die Früherkennung auch für Geimpfte Teil der Routine bleibt. Die Impfung senkt die Wahrscheinlichkeit, dass Zellveränderungen überhaupt entstehen, während die Früherkennung die Fälle findet, in denen trotzdem etwas wächst. Zusammen ergibt das den besten Schutz, den die Medizin bei HPV derzeit anbieten kann.

Wo du die Impfung bekommst

Impfen können hausärztliche, gynäkologische, urologische, hautärztliche und kinderärztliche Praxen, außerdem viele Betriebsärzt*innen sowie manche Gesundheitsämter. Du brauchst dafür keine Vorgeschichte und keine Begründung, ein Satz wie „Ich würde die HPV-Impfung gern nachholen“ reicht völlig. Wenn bei dir schon einmal ein Abstrich auffällig war oder du Genitalwarzen hattest, erzähl das im Gespräch, dann lässt sich besser einordnen, was die Impfung in deinem Fall bringt.

Dass ein paar Gelegenheiten für diese Impfung bereits vorbeigezogen sind, ist weit verbreitet und kein Versäumnis, denn die große Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland ist ungeimpft. Anfangen lässt sich die Serie zu jedem Zeitpunkt. Was in deiner Situation sinnvoll ist, klärt ein einziges Gespräch.

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